Zone Wismar

Eine andauernde Diskussion

Wenn man im Duden das Wort „Grauzone“ nachschlägt, stößt man auf die Bedeutung „Grenzbereich, zwielichtiger oder zweifelhafter Bereich“ – es ist also eine schwammige Formulierung für einen Sachverhalt, der viel Interpretationsspielraum lässt. Es ist schwierig zu sagen, wo beginnt die Grauzone und wo endet sie.
Gerade weil die Grauzone so ein schwammiger und verschwommener Bereich ist, verstecken sich viele Bands und deren AnhängerInnen hinter dem Image der Grauzone, behaupten sie seien „unpolitisch“. Doch wie Grauzone ist man noch, wenn Bandmitglieder mit Neonazis auf Partys Arm in Arm zusammen feiern? Wie Grauzone ist es, wenn Bands Hetzlieder gegen antifaschistisches Engagement veröffentlichen? Ist man noch „unpolitisch“, wenn man in seinen Texten für konservative Wertvorstellungen, Nationalstolz oder für eine männerdominierte Gewaltwelt wirbt?
Die verschwommene Dunstwolke der Grauzone dient oft als Immunisierung gegen Kritik an Texten, Ästhetik und Kontakten.
Jeder Mensch ist eine mündige Person, die sich nicht hinter Wörtern wie „unpolitisch“ verstecken kann, sondern klar für seine Meinung einstehen soll. Wir werden unseren links alternativen Anspruch in unseren Freiräumen weiterhin aufrecht erhalten.
Für Grauzone haben wir keinen Platz.

Dieses Statement gibt das Infocafé „Theorie, Kritik und Cola“ im Vorfeld eines am heutigen Samstag, 09.02.2013, im TIKOzigalpa stattfindenden Konzertes ab.

Das Phänomen der Grauzone ist auch AnhängerInnen diverser Wismarer Subkulturen nicht fremd. Die Grauzone – Diskussion spaltet ganze Punker – und Skinheadgenerationen. Die, die auf das „unpolitisch sein“ keine Lust haben und von den anderen klare Statements im Umgang mit Neonazis einfordern, werden ausgelacht, angefeindet und letztendlich ausgeschlossen bzw. beschließen selber zu gehen.

4. Division Ostfront: Grauzone – Band aus Wismar

Ganz vorn an der grauen Spitze war die Wismarer Band „4. Division Ostfront“, die sich 2011 auflöste. Provozieren wollten sie sowohl mit ihrem Namen, als auch mit den Texten ihrer Lieder. Mit aggressiven Klängen in Garagenqualität ging es anfangs hauptsächlich um exzessiven Alkoholgenuss, die Liebe und es wurden endzeitähnliche Szenarien beschrieben, in denen sie mit ihrer Skinheadgefolgschaft im Krieg gegen den Rest der Welt sind. Das Wort „unpolitisch“ wurde dabei immer sehr groß geschrieben.

Anfang 2010 veröffentlichten sie das Lied „Antifa“. Dabei beschrieben sie die Antifa – Szene als brutale, kriminelle und intolerante Schlägertruppe. Auch hier wurde das Thema des „unpolitisch sein“ und die Kritik daran verarbeitet.

„ unpolitisch gibt es nicht
das sind eure Worte
ich entscheide selbst
ich bin nicht von eurer Sorte “

Im weiteren wird vor allem im Refrain die Abneigung gegenüber AntifaschistInnen deutlich.

„ ihr seid der Terror, oh wie wunderbar
ihr seid Faschisten, ihr seid die Antifa
euch will hier keine haben
ist das euch nicht klar?
ihr seid die Kommunisten
Ihr seid die Antifa „

Der Höhepunkt dieses Hasses gipfelt in einer stumpfen Morddrohung, die auch ganz gerne als Parole auf Naziaufmärschen verwendet wird.

„ Ein Baum – ein Strick – ein Antifagenick “

Ist das noch Grauzone? Ist das noch unpolitisch?

Von der Grauzone in die Braunzone

Das Schreiberteam von „OireSzene“ nahm 4. Division Ostfront nach einer Absage eines Konzertes in einer links alternativen Location Anfang 2010 genauer unter die Lupe und veröffentlichte einen Text über die Grauzone Band. Die Reaktion der Bandmitglieder und deren Fans war, wie zu erwarten: Sie warfen den VerfasserInnen Intoleranz vor und sahen sich abgestempelt. Es wurden sogar in Internetforen Gerüchte gestreut, diese Infos hätte das OireSzene – Team von Insidern, die nur darauf aus seien, Bands beiseite zu kehren, um selbst mit der eigenen Band einen größeren Erfolg in der Szene zu haben.

Einen Hehl aus ihren Hass gegenüber AntifaschistInnen hatte die Band nie gemacht und die Betonung lag immer auf „unpolitisch“. Doch ewig konnten einige Mitglieder ihren Deckmantel des unpolitischen Skinhead – Daseins nicht aufrecht erhalten. Insider berichteten von Partys, die von Bandmitgliedern mitorganisiert wurden, bei denen zwischen den ganzen Punkrockhits auch immer häufiger RAC (Rock against Communism) zu hören war. Wurden die Veranstalter darauf aufmerksam gemacht, brach sofort ein Schwall an Beschimpfungen, ob man jetzt auch zu den „Rotfaschisten“ übergelaufen sei, herein. Diese und ähnliche Ereignisse häuften sich.

So war auch zu beobachten, dass der Frontmann von 4. Division Ostfront einige seiner Freunde gegen andere Freunde austauschte – oder sollen wir lieber Kameraden sagen? Vor allem in der Zeit nachdem die Band sich aufgelöst hatte, schien es so, als pflege er sehr sorgfältig enge Kontakte zu bekennenden Neonazis.

Nachdem 2011 4. Division Ostfront eine Absage von einem Konzert aus Greifswald erhielt, ist es sehr ruhig um sie geworden. Die Band hatte sich aufgelöst und einige Mitglieder sind sogar aus Wismar weggezogen. Doch den grau – braunen Sumpf von Fans haben sie in Wismar zurück gelassen, die sich immer noch hinter dem Wort „unpolitisch“ verstecken und krampfhaft versuchen jegliche Kritik zu ersticken.

Grauzone? Braunzone? Ja, was denn nun?

Die Band 4. Division Ostfront ist ein weiteres Beispiel dafür, wie verschwommen die Grenzen zwischen Grauzone – Band und Naziband sind. Gerade in Anbetracht der Tatsachen, dass Kontakte zu bekennenden Neonazis gepflegt werden, öffentliche Hetze bis hin zur Morddrohung gegen linkes politisches Engagement betrieben wird und jegliche Kritik sowie Bedenken versucht werden, sofort zu ersticken; ist es schwierig, zu entscheiden: Ist das noch Grauzone oder doch schon Braunzone?

Ganz egal, wie mensch bei dieser Frage entscheidet, Fakt ist:
Beides hat in links alternativen Freiräumen nichts zu suchen.