AJUCA 2009

Nächsten Mittwoch ist es soweit, das Alternative Jugendcamp AJUCA geht in die sechste Runde. Vom 19.-23.August findet es auf dem Gelände des Kulturkosmos e.V. (Fusion-Festival) in Lärz in der Nähe von Mirow statt.

Was das AJUCA genau ist, wollen wir Euch hier vorstellen.

Das AJUCA findet in diesem Jahr zum sechsten Mal seit 2002 statt und ist ein Zusammenschluss von selbstorganisierten Jugendlichen sowie fest in Mecklenburg-Vorpommern etablierten Netzwerken und Bündnissen gegen Rechtsextremismus. Das Camp beginnt am 19. und endet am 23. August 2009. Veranstaltet wird es, wie die letzten fünf Jahre, auf dem Gelände des Kulturkosmos e.V. in Lärz, mit dem sich über die vergangenen Jahre eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit herausgebildet hat. Der Kulturkosmos e.V. ist bundesweit dafür bekannt, alljährlich das „Fusion“-Festival zu veranstalten. Daher ist das Gelände sehr gut für ein solches Projekt erschlossen und nutzbar. Unter den Schlagworten „Politics.People.Party.“ versuchen wir Jugendlichen aus ganz MV, besonders aus infrastrukturell geschwächten Regionen, eine Alternative zum rechten Lifestyle und Mainstream zu bieten und neue Perspektiven aufzuzeigen. Durch den Einzug der NPD in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern 2006 ergaben sich für die rechte Szene neue finanzielle Möglichkeiten, mit deren Hilfe sie verschiedenste rechte Projekte fördern konnten. Es gelang ihnen, in ganz MV in noch nie da gewesener Intensität diverse rechtsextremistische Projekte, wie beispielsweise Szeneläden in Rostock, Waren, Grevesmühlen, Wismar, Güstrow, aber auch Bündnisse („Heimatbund Pommern“; „Mecklenburgische Aktionsfront“, „Soziales und Nationales Bündnis Pommern“ – landesweite Zusammenschlüsse freier Kameradschaften) sowie explizit nur für „Rechte“ nutzbare Jugendclubs (Bargischow) einzurichten oder auszubauen. Diese Trends ermöglichen es ihnen, sprichwörtlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Aus diesem alltäglichen gesellschaftlichen Einfluss, gerade auf Jugendliche, die in den schon erwähnten infrastrukturell und sozial schwächeren Regionen aufwachsen und leben, ziehen sie die Kraft für ihren politischen Einfluss von morgen. Der NPD wird es dadurch möglich, Lücken staatlichen Handelns für ihre menschenverachtende Politik auszunutzen. Dort, wo sowohl politische Bildung als auch persönliche Perspektiven oder freizeitliche Alternativen fehlen, fällt es ihr leicht, die chancenlosen Jugendlichen für ihren „Kampf um die Straßen und Köpfe“ und somit in der Zukunft um das „Parlament“ zu werben.

Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, wollen wir wiederholt das AJUCA veranstalten. Ziel unseres Projektes soll es sein, noch nicht von rechts beeinflussten Jugendlichen sowohl eine Plattform als auch einen Freiraum zu bieten. Dort wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, Kontakte zu knüpfen, sich zu vernetzen, sich zu bilden, sich aufzuklären und Spaß zu haben, ohne die ständige Angst, Opfer rechter Repression oder gar Übergriffe zu werden. Anders als in den letzten Jahren wird das AJUCA fünf statt der bisherigen vier Tage dauern, um den Teilnehmer_Innen die Möglichkeit zu geben, sich mit der speziellen, lockeren und selbstbestimmten Atmosphäre zu identifizieren. Locker und selbstbestimmt heißt für uns, dass alle Camp-Teilnehmer_Innen nicht nur die Chance haben, sich überall einzubringen, sondern dass ein erfolgreiches Zusammenleben nur mit freiwilliger Mitarbeit („DIY – Do It Yourself!“) funktionieren kann. So wollen wir vermitteln, dass jede Veränderung eines Engagements bedarf und dabei jede_r alles machen oder versuchen kann.

Jemand, der_die sich entschieden hat, allein oder mit Freunden das AJUCA zu besuchen, wird die fünf Tage dort folgendermaßen verleben: Nach der Anreise haben die Teilnehmenden Zeit und Raum, ihre Zelte aufzuschlagen und das Gelände zu erkunden, sich allgemein einen Überblick zu verschaffen. Gegen 18 Uhr beginnt das Begrüßungsplenum, auf dem zum einen die Organisierenden vorgestellt werden (Ansprechpartner_Innen für Schutz des Geländes, Küchenbeauftragte, Betreuer_Innen des Infohangars etc. ), zum anderen aber die grundlegenden Umgangsformen erklärt werden. Diese bestehen aus den wichtigsten, basis-demokratischen Ansätzen: Wir legen großen Wert auf das Fernbleiben von rassistischen, sexistischen, antisemitischen, also allgemein diskriminierenden Äußerungen und Handlungen. Auf dem Plenum soll die Meinung jedes_r einzelnen Camp-Teilnehmers_In erhört, geachtet und respektiert werden. Nur so kann eine Identifikation und damit ein konstruktiver Umgang mit den Strukturen und Möglichkeiten erlangt werden. Außerdem werden die Tagesprogrammpunkte bekannt gegeben. Darauf folgt das erste gemeinsame Abendessen, welches wie alle Mahlzeiten auf dem AJUCA vegan sein wird.

Jeder Tag auf dem Camp beginnt mit einem Frühstück, darauf folgt das allmorgendliche Plenum, auf dem das Tagesgeschehen vorgestellt wird und die benötigten Freiwilligen in den einzelnen Bereichen des Camp-Lebens wie Küchendienst etc. beworben werden. Außerdem können jederzeit Kritik, Probleme und Verbesserungsvorschläge geäußert werden, die nach Möglichkeit sofort umgesetzt werden. Jeder Tag wird in drei Veranstaltungsphasen geteilt: zwei „Input“- bzw. Workshop-Blocks, und einen „Entertainment“-Block, jeweils durch Mittags- bzw. Abendessen unterteilt.

Themenschwerpunkte der parallel laufenden Referate, Diskussionsrunden und Workshops sollen sein: Politische Theorien und Praxen zum Thema selbstbestimmte Lebensgestaltung und Strategien gegen Rechts, mit dem Ziel, das Arbeiten an Projekten vorzustellen, nachvollziehbar zu machen und den Teilnehmenden aufzuzeigen, inwieweit man sich individuell mit neuen Ideen und Engagement beteiligen kann. Es soll also ein tieferes Verständnis für die Verantwortung eines_r jeden Bürger_In an unserer Demokratie vermittelt werden. Ein weiterer Themenschwerpunkt soll antisexistisches Denken und Handeln sein. Hierzu wollen wir Veranstaltungen zu frauen- und geschlechterpolitischen Diskursen geben, die gerade gesellschaftlich aktuell sind. Dabei haben wir uns unter anderem für folgende Themen entschieden: Frauen und ihre Rolle im Islam, Neonazistinnen und ihre Stellung in der rechten Szene, wobei wir gleichzeitig den Vergleich zur Rolle der Frau in der linken Szene ziehen wollen. Dazu kommt eine Auseinandersetzung mit der unterschiedlichen Betrachtung von weiblichen und männlichen Fußballfans. Abschließend wollen wir uns mit den Teilnehmenden überlegen, wie eine moderne emanzipierte Gesellschaft aussehen sollte. Wie in den letzten fünf Jahren werden wir uns auch dieses Jahr wieder intensiv mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen. Dazu gehört nicht nur die Analyse lokaler, moderner Neonazistrukturen (Informationen über die oben genannten Szeneläden, Kameradschaften, Lifestyle, etc. und deren Beziehungen zueinander), sondern auch der Bezug zu den ideologischen Wurzeln des deutschen Nationalsozialismus. Höhepunkt soll nach intensiver Aufklärung der Besuch im ehemaligen KZ-Außenlager Retzow – Rechlin (2 km nördlich von Lärz) darstellen. Wir erhoffen uns von der Exkursion, auch einen tiefen emotionalen Eindruck vom damaligen Antisemitismus und Rassismus herzustellen und zu verdeutlichen, wohin solche gesellschaftlichen Entwicklungen führen können, wenn die Fehler von damals nicht wiederholt werden.

Um Abwechslung zu den täglichen Vorträgen und Workshops zu geben, legen wir in diesem Jahr besonderen Wert auf ein vielseitiges Freizeitprogramm. Neben den Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung (Badminton, Fußball, Volleyball, evtl. Laufgruppe, Kickboxen/Selbstverteidigung etc.), werden wir ein vielfältiges Musik-, Film- und Konzertprogramm organisieren. Außerdem haben die Teilnehmenden die Wahl, abends am Lagerfeuer oder in den verschiedenen Hangars den Tag zu reflektieren und die Seele baumeln zu lassen. Tagesübergreifend kann jede_r Teilnehmer_In an Projekten wie dem Campradio oder der Campzeitschrift Einblicke und Erfahrungen im Umgang und Gebrauch mit Medien sammeln. Die Campzeitschrift ist dabei ein gedrucktes Medium, mit deren Hilfe der jeweils vergangene Tag resümiert wird und Ankündigungen für den kommenden Tag veröffentlicht werden. Traditionsgemäß kostet die Teilnahme am AJUCA für jede_n Teilnehmer_In nur 5 € pro Tag. Um den finanziellen Aufwand für die Jugendlichen so gering wie möglich zu halten, umfasst dieser Betrag ausschließlich die Kosten für die Verpflegung.

News, Programm, Anmeldung und Anfahrt findet ihr auf der Homepage des AJUCA